OSS-Agent?

Gestern abend las ich in Borsdorf et all (Hrsg.): “Zwischen Befreiung und Besatzung.  Analysen des US-Geheimdienstes ueber Positionen und Strukturen deutscher Politik 1945.” in Fussnote 65 den befremdlichen Satz:

“Die hier wiedergegebenen Informationen ueber das Ruhrgebiet vom September 1944 bis Maerz 1945 stammen von Jupp (Josef) Kappius, der als erster OSS-Agent mit dem Fallschirm in der Naehe von Soegel (Emsland) abgesetzt worden war.”

Als erster OSS-Agent?  Da wollen wir doch mal hoeren, was Jupp selbst zu dieser Klassifizierung sagte in seinem Bericht aus London vom 12. Mai 1945:

“Ich ging als ISK-Genosse mit Auftraegen von der Partei.  Meine Aufgabe war es, im Sinne unseres Sofortprogramms eine Bewegung aufzubauen zu versuchen.  Die Englaender und Amerikaner, mit denen wir arbeiteten, waren mit dieser Aufgabenstellung einverstanden.  Sie waren ausserdem daran interessiert, Nachrichten zu bekommen, die fuer die Kriegsfuehrung der Aliierten von Wichtigkeit waren.  Wir waren unsererseits ebenfalls daran interessiert, denn es lag auch uns daran, an der Niederlage der Nazimilitaermaschine mitzuwirken.  Ausser diesen Abmachungen bestanden keinerlei Verpflichtungen den Englaendern und Amerikanern gegenueber.  Ich war ein freier Mann, hatte nichts unterschrieben und wurde von niemandem bezahlt, brauchte also keinen Befehlen nachzukommen, sondern nur den eben genannten Verpflichtungen, die ich uebernommen hatte.

Wir hatten besonderen Wert darauf gelegt, diese Unabhaengigkeit in der Zusammenarbeit zu bewahren, nicht zuletzt auch mit dem Gedanken an die Genossen in Deutschland, die bestimmt fragen wuerden: Was hast du der englischen Regierung gegenueber als Gegenleistung fuer das Herueberbringen unternommen?  Tatsaechlich hat mich keiner der Genossen diese Frage gefragt, ich habe ihnen von mir aus sagen muessen, wie das Verhaeltnis zur englischen und amerikanischen Regierung ist.  Sie waren froh, als sie hoerten, wie wir die Sache arrangiert hatten, aber es waere mir lieber gewesen, sie haetten gefragt, statt einfach anzunehmen, es wuerde alles in Ordnung sein.  Das ist nicht Vertrauen – es ist blindes Vertrauen, und kein gutes Zeichen fuer die Strenge und Sauberkeit, mit der die Genossen an die politische Arbeit gehen.”

Das sollte genuegen.  OSS-Agent?  Ganz ausdruecklich und bewusst arrangiert nicht.  Wer “Deckname Downend” gesehen hat, wird sich an Nora Blocks Beitrag und die abschliessenden Worte von Johannes Rau erinnern moegen, die Aehnliches ausdruecken.

Als weiterer Beweis fuer diese Sachlage hier Jupps Marschbefehl (9-seitiges Archivdokument, unterzeichnet von Willi Eichler am 21. August 1944):

Instructions, Objectives, and Directives for Jack Smith

Nebebei bemerkt:  Die gleiche Publikation behauptet ausserdem auf S.213, dass Vertreter des ISK, unter ihnen “Kappius aus Bochum”, sich auf der am 5. Oktober 1945 in Wenningsen stattgefundenen “nationalen Konferenz sozialdemokratischer Fuehrer” FUER eine Zusammenarbeit der SPD mit der Kommunistischen Partei aussprachen – nichts koennte ferner von der Wahrheit sein.  Jupp war ausdruecklich gegen eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten, so ausdruecklich, dass sowohl er als auch seine Familie zu Zeiten der Teilung Deutschlands in der DDR “unerwuenschte Personen” waren.

Fazit: Diese Publikation enthaelt viele Originaldokumente, die sicher von Wert sind, aber dem Kommentar ist nicht zu trauen.  Jupp Kappius wird zwei Mal erwaehnt, und beide Male sind die Aussagen schlicht falsch.

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One Reply to “OSS-Agent?”

  1. Danke für diese wichtige Richtigstellung.Es war immer ärgerlich das 2 gute Historiker so ungenau und so falsch formulieren können.
    Ein “Agent” war Jupp Kappius mit seinem unabhängigen Geist wirklich nie.

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