“Jutta’s Trips”, oder auch: Ännes Reisen 1944 und 1945

Bleistiftzeichnung von AenneEs war Änne, die Jupp zum ISK brachte, und ihr Idealismus war nicht einen Deut weniger stark ausgepraegt als Jupps. Beide stellten persoenliche Wuensche und Plaene zurueck, um fuer ihre Ideale zu kaempfen – unter Einsatz ihres Lebens. Als das Ehepaar Kappius 1937, zu diesem Zeiptpunkt steckbrieflich von der GESTAPO gesucht, aus Berlin floh, trennten sich ihre Wege unfreiwillig – die neutrale Schweiz war gewillt, Änne Asyl zu gewaehren, aber Jupp bekam keins. So musste er weiter ziehen, und fand in England eine Anlaufstelle. Im franzoesischen Nancy auf dem Bahnhof sagten sie Lebewohl, in der Hoffnung, der andere moege tatsaechlich wohl leben, bis andere Zeiten es ihnen erlauben wuerden, wieder als Ehepaar zusammen zu leben.

Wie es Jupp erging, bis er Änne im September 1944 in Bochum wiedersah, ist anderswo auf dieser Internetseite beschrieben (Josef Kappius – Die Politische Person 1933 -1945). Dieser Artikel ist Änne und ihrer Mission gewidmet, die zum Teil als Bericht mit dem Titel “Jutta’s Trip” in ISK Box 55 zu finden ist.

Änne fand Arbeit als Hausmaedchen in der Schweiz, diente ihrer Herrschaft pflichtbewusst, kuemmerte sich um deren Kinder, und lebte in reativer Sicherheit und bei guter Verpflegung.  Sie haette in dieser Position gut das Kriegsende abwarten und auch nach Kriegsende noch in der Schweiz bleiben koennen, bis Deutschland wieder halbwegs auf den Beinen war.  Wer haette es ihr veruebelt?

Aber Änne war aus anderem Holz geschnitzt.  Als die alliierten Geheimdienste (vornehmlich der amerikanische OSS, mit praktischer Unterstuetzung des britischen SOE) im Jahr 1944 die Infiltration Nazi-Deutschlands planten, war der ISK, mit Willi Eichler an der Spitze, in Planung und Durchfuehrung ganz vorne mit dabei, und Änne genau wie Jupp sofort bereit, ihr Leben fuer diese Kampagne einzusetzen.  Willi Eichler arbeitete von London aus eng mit diesen Diensten zusammen, um die Unterminierung des Naziregimes voranzutreiben und gleichzeitig eine gute Ausgangsposition zu haben, wenn nach dem Zusammenbruch des Naziregimes das dann entstehende politische Vacuum neu zu fuellen sein wuerde.

Was also war der Plan?  Der OSS wollte zwei Maenner ins Ruhrgebiet schicken, um die Lage auszukundschaften und den Alliierten Informationen ueber deutsche Logistik und Truppenbewegungen zu uebermitteln.  Willi Eichler wollte, dass diese Maenner die in Deutschland verbliebenen international-sozialistischen Genossen kontaktierten und den Boden bereiteten fuer einen guten Neuanfang nach Ende des Krieges.  Diese Aktion musste vorbereitet werden – eine sichere Anlaufstelle fuer die Eingeschleusten musste gefunden werden, und ausserdem mussten Informationen weitergeleitet und verbreitet werden.  Eine sichere Unterkunft in Bochum konnte nur fuer einen Mann gefunden werden – fuer Jupp – und Änne erklaerte sich bereit, tief ins deutsche Reich zu reisen, um Jupps Mission vorzubereiten und zu unterstuetzen.  Jupp und Ännes Erkenntnisse und Berichte sollten an Willi Eichler und ueber ihn an die alliierten Geheimdienste weitergeleitet und zur strategischen Kriegsfuehrung genutzt, sowie innerhalb Deutschland unter den Genossen verbreitet werden.

Und so reiste Änne, als Krankenschwester verkleidet, drei Mal von der Schweiz aus ins Deutsche Reich – im April 1944, im Oktober 1944 (auf dieser Reise traf sie Jupp zum ersten Mal wieder seit ihrem Abschied in Nancy) und im Januar/Februar 1945.  Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass sie nicht die einzige war, die fuer den ISK dieses Risiko auf sich nahm.  Die Juedin Hilde Meisel, mit der zusammen Änne im Spaetsommer 1944 in “Area O”, einem englischen Landsitz (eine genauere Ortsangabe koennen wir leider nicht liefern) ausgeblidet wurde, reiste ebenfalls ins deutsche Reich fuer aehnliche unterstuetzende Taetigkeiten, allerdings in einer anderen Gegend.  Die beiden Frauen wurden von Area O aus Ende September 1944 in Begleitung von Leutnant Anthony Turano (OSS London Air Dispatch Service) ueber Thonon, Frankreich, am Genfer See zurueck in die Schweiz gebracht, von wo aus sie dann ihre Missionen ausfuehrten. Es sei an dieser Stelle auch vermerkt, dass Änne ihre erste Reise nach Deutschland unternahm, bevor sie vom britischen SOE fuer solche Unternehmungen geschult wurde.

Fuer alle drei Reisen war Änne vom OSS/Labor Desk mit falschen Papiere under dem Namen Jutta (Nachnamen ist uns nicht bekannt) ausgestattet worden, ebenfalls mit einer deutschen Krankenschwesteruniform und den noetigen Papieren und Fahrscheinen, die sie fuer ihre Reisen benoetigen wuerde.  Als Krankenschwester war sie offenbar so unauffaellig, dass sie auf ihrer letzten Rueckreise im Februar 1945 den Genossen Willi Braumann, der bei einem Luftangriff aus einem Gefaengnis entflohen war, aus Deutschland mit in die neutrale Schweiz nehmen konnte.

jupp-006Und was hat Änne in Deutschland gemacht?  Sie hat die Genossen besucht – auch Jupp in Bochum, der weder von ihrer ersten Reise wusste noch von ihrer zweiten, bis sie ploetzlich in Bochum vor der Tuere stand -, hat Briefe und Unterlagen wie etwa das Unionsprogramm transportiert, und Informationen ausgetauscht.  Diese Informationen fanden als Berichte ihren Weg nach London (siehe oben).  Ausserdem waren ihre Reisen, genau wie Jupps ploetzliches Auftauchen in Bochum, sehr wichtig um die Moral, den Kampfgeist und die Hoffnung der Genossen in Deutschland aufrecht zu erhalten.  Es war nicht einfach, den Mut nicht zu verlieren, wie es scheint, und dass das Ehepaar Kappius, steckbrieflich gesucht, es wagte, ins Deutsche Reich zurueckzukehren und direkt unter der Nase des Feindes den Widerstand neu zu beleben und weiterzufuehren, gab den Mitstreitern neue Kraft.

Warum haben Jupp und Änne dieses persoenliche Risiko auf sich genommen?  Da spielt sicherlich die politische Ueberzeugung und der Idealismus eine Rolle, der das Ehepaar Kappius auszeichnete, und ausserdem das Beduerfnis, nicht bloss am Rande (im Exil/ im Internierungslager) festzusitzen und die Genossen den Kampf alleine ausfechten zu lassen.  Es hat Jupp sehr frustriert, in Australien untaetig ausharren zu mussen – er erwaehnt dies in seinen Briefen immer und immer wieder -, waehrend die Genossen ihr Leben riskierten, und Änne wird es mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Schweiz nicht viel anders gegangen sein.  Als sich nach Kriegseintritt der Amerikaner die Moeglichkeit bot, einen aktiveren Beitrag zum Untergang des Naziregimes und zum Wideraufbau des deutschen Staates zu leisten, haben beide mehr an ihre Ideale als an sich selbst gedacht, und nicht lange gezoegert.  Der ISK hatte nicht umsonst den Ruf einer ideologischen Elite.

Unser Wissen ueber Ännes Mission stammt vornehmlich, jedoch nicht ausschliesslich, aus folgenden Quellen:

  • Werner Link:  Die Geschichte des Internationalen Jugend-Bundes (IJB) und des Internationalen Kampf-Bundes (ISK).  Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan, 1964.
  • Martin Ruether, Uwe Schuetz und Otto Dann (Hrsg.):  Deutschland im ersten Nachkriegsjahr.  Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46.  K.G. Saur Verlag, Muenchen 1998
  • Joseph E. Persico: Piercing the Reich: The Penetration of Nazi Germany by American Secret Agents During World War II. Viking Adult, 1979
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