Jupp Kappius – Eine (subjektive) Biographie

Kindheit und Jugend

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Josef (Jupp) Kappius wurde am 3. November 1907 in Bochum, Grummer Straße 26, als Sohn von Josef Sr. and Antonie Kappius geboren.  Jupps Großmutter Gertrud Kappius, geborene Haselhorst, verwitwet, lebte zu dieser Zeit im selben Haus mit ihrem Sohn und seiner Familie, und war bei Jupps Geburt – eine Hausgeburt – anwesend.  Jupp hatte zwei Schwestern, Elisabeth und Gertrud.

Die Schreibungen des Nachnamens “Cappius” und “Kappius” finden sich parallel in Dokumenten und auf Fotos aus dieser Zeit.  Die Schreibweise des Nachnamens wurde wahrscheinlich im Zuge der allgemeinen Germanisierung deutscher Nachnamen geändert, war aber noch nicht gefestigt.  Jupps Geburtsurkunde, ausgestellt in 1907, gibt den Namen seiner Mutter als “Antonie Kappius” an, während auf ihrem Grabstein “Antonie Capppius” zu lesen ist.

Jupps Vater Josef Sr. war Stellmacher und oft außer Haus.  Er hatte (mindestens) einen Bruder, Wilhelm (William) Cappius, der 1913 zum Priester geweiht wurde und noch im selben Jahr in die USA auswanderte.
Leider war die Ehe von Jupps Eltern zerrüttet.  Antonia musste die Kinder verlassen, als Jupp noch klein war, und in einem Gartenbaubetrieb ihren Unterhalt verdienen.  Ein Kontakt mit der Mutter war den Kindern untersagt.  thumbs_AntonieCappius3Spaeter zog Antonie nach Rostock, wo sie am 8. Dezember 1927, als Jupp gerade 20 Jahre alt geworden war, verstarb.

Jupp und seine zwei Schwestern blieben bei dem Vater, der nach dem Tod Antonies wieder heiratete.  Jupps Halbschwester Hanni (Lingemann), Tochter von Antonie, wuchs bei ihren Tanten mütterlicherseits in Haaren auf.

thumbs_josef-kappius-sr-jupps-vaterAls Kind und Jugendlicher hatte Jupp eine innige Beziehung zur katholische Kirche.  Er läutete jeden Morgen die Glocke zur 6 Uhr Messe, bei Wind und Wetter, und vor der Schule.  Jupps Erinnerungen an seine Jugend waren trotz dieses Engagements zum größten Teil von Bitterkeit und Trauer geprägt.  Seine Mutter, die er liebte, verließ die Familie unter oben beschriebenen unglücklichen Umständen und verstarb früh; sein Vater versuchte mit großer Härte den Sohn zu formen und zerstörte dabei, wie es scheint, Jupps Bande zur römisch-katholischen Kirche – jedoch nicht seine Religiösität, die sich in lebenslangem Interesse an religiösen Fragen ausdrückte.  Was dem Vater so ein Dorn im Auge war, und was zum endgültigen Bruch mit dem Vater führte, war Jupps Engagement in der sozialistischen, per Definition antiklerikalen, Arbeiterjugend.thumbs_father-uncle-william-in-usa

Trotz des Bruchs mit dem Vater hielt Jupp den Kontakt zu seinem 1913 nach Amerika ausgewanderten Onkel Reverend William (Wilhelm) A. Cappius aufrecht.  Selbst im Internierungslager in Orange, NSW, Australien erhielt er Briefe von Onkel Wilhelm, der von 1932 bis 1945 in Crofton, Nebraska die Pfarrei St Rose of Lima leitete.  Am 8. Januar 1945 verstarb Onkel Wilhelm.

 

Berufliche und Politische Laufbahn und Aufgaben

Nach Abschluss der Volksschule, die Jupp einer höheren Schule vorzog, da er sich eine Trennung von seinen Schulkameraden nicht vorstellen konnte, besuchte Jupp die Betriebsfachschule für Werkmeister in Bochum und absolvierte dann eine vierjährige technische Lehre, an deren Ende er sich  Vorzeichner und Konstrukteur im Stahlhoch- und Brückenbau nennen konnte.

1924 trat er der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) bei, 1925 dem Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV), der später in den Bund Technischer Angestellter und Beamter (Butab) umbenannt wurde.  Ab 1933 thumbs_JuppKappius8engagierte Jupp sich in der vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) geleiteten Jugend-, Schulungs- und Gewerkschaftsarbeit, die under der Nationalsozialistischen Regierung illegal war.  Als die GESAPO 1937 einen Haftbefehl fuer Jupp und seine Frau ausstellte, emigrierte Jupp auf Umwegen nach Sheffield, UK, von wo aus er am 10. Juli 1940 an Bord der berühmt-berüchtigten HMT Dunera nach Australien ins Internierungslager geschickt wurde:  Zuerst nach Hay (dort war Jupp vom 6.9.1940 bis zum 22.5.1941), dann für eine kurze Zeit nach Orange (22.5.1941 – 24.7.1941), schließlich nach Tatura (25.7.1941), wo er auf eine Überfahrtgelegenheit nach England wartete. Seine Insassennummer war 39179.  Am 17.7. 1942 begann dann endlich die Rückreise nach England an Bord der TSS Themistocles.  (Chronologie der Internierung)

Am 6.10.1942 betrat Jupp wieder englischen Boden.  Er begab sich nach London, UK, wo er von seinem im Exil lebenden ISK Genossen Willi Eichler “mit besten Wünschen für den Neustart” anläßlich seines Geburtstags begrüßt wurde, und sofort Anstellung in Walter Fliess’ vegetarischem Restaurant “Vega” fand, als Koch.  Jupp wurde in der Folgezeit vom OSS (später CIA) für einen Fallschirmabsprung über feindlichem Gebiet ausgebildet.  Am 1. September 1944 sprang Jupp über Sögel im Emsland ab, unter anderem um Kontakte zu Widerstandsgruppen im Ruhrgebiet zu knüpfen. (“Marschbefehl”)

Nach Kriegsende 1945 kehrte er zunächst für eine Weile nach London zurück, beteiligte sich dann, wieder zurück in Deutschland, am Aufbau einer einheitlichen sozialdemokratischen Partei mit deutlicher Abgrenzung zur Kommunistischen Partei, und wurde 1945 Mitglied der Gewerkschaft ÖTV.  1946 wurde er Bezirkssekretär der SPD für Bildungs- und Kulturpolitik im Bezirk Westliches Westfalen, Vorsitzender des thumbs_JuppKappius12Zentralausschusses Sozialistischer Bildungsgemeinschaften NRW und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Bildungswerke in Bonn.  Vom 29. Juni 1955 bis 23. Juli 1966 war er Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags.  Bei seinem Tod 1967 war er immer noch Bezirkssekretär.  Jupp gab in dieser Funktion und im Rahmen der Umerziehung der Deutschen nach 1945 (“Re-education”) Seminare für Frauen, was ihm eine ganz besonders wichtige Aufgabe nach dem Krieg war.   Seine Mitgliedschaft und Ausbildung im ISK mag der Grund für diesen Schwerpunkt gewesen sein, weshalb hier ein kurzer Exkurs angebracht erscheint.

Der ISK hatte eine primär pädagogisch ausgerichtete Infrastruktur, die dem Ziel diente, Mitglieder zu politisch aktiven und charakterlich zuverlässigen Menschen zu erziehen, die eine “Partei der Vernunft”, wie sie Leonard Nelson vorschwebte, leiten und aus dieser Führungsposition heraus eine thumbs_JuppKappius5breitere Masse in ebensolcher Weise erziehen könnten.  Das hier zu Grunde liegende Nelson’sche Element war das Vertrauen in die menschliche Vernunft, aus dem er das Ideal eines gebildeten, selbstbestimmten und vernunftgeleiteten Menschen ableitete, der die Achtung gleicher Rechte anderer stets als oberstes Ziel vor Augen haben müsse.  Diese Vernunft bedürfe laut Nelson allerdings der Ausbildung, da sie urprünglich “dunkel” sei – daher die zentrale Rolle der Pädagogik.

Demzufolge hat Jupp in diesen Seminaren den Teilnehmerinnen zu vermitteln versucht, dass Politik etwas sei, das uns in unserem Alltag angehe.  Frauenerziehung war ihm so besonders wichtig, weil es überwiegen die Frauen waren und sind, die die Kinder erziehen – entweder zu  blind gehorsamen Kindern, die man dann leicht zu thumbs_juppkappius2resized-pol-persBefehlsempfängern umfunktionieren kann, oder zu Menschen, die es lernen Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.  Die Frauen, die Jupp unterrichtete, kamen, soe die Theorie, aus Elternhäusern, in denen Obrigkeitsdenken, blinder Gehorsam und Duckmäusertum in der Erziehung einen großen Platz einnahmen, und wie sollten die Frauen ihre Kinder anders erziehen können, wenn es ihnen vorher nicht klar und bewusst gemacht worden war, wo die Fehler der Vergangenheit lagen, die ein Drittes Reich möglich machten.

 

Familienleben und Eigenheiten

Jupp war zwei Mal verheiratet.  Seine erste Frau Änne (am 4.6.1906 geboren) lernte er in der sozialitischen Arbeiterbewegung kennen.  Die beiden verlobten sich am 1. Januar 1930, und heirateten am 5. Dezember des selben Jahres in Bochum.  Sie führte ihn beim ISK ein.  Beide engagierten sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland, wurden im November 1937 steckbrieflich wegen Hochverrats gesucht und flohen ins Ausland – Änne in die Schweiz, Jupp von dort aus über Frankreich, wo er ein Jahr in Nancy verbrachte, thumbs_jupp-006nach London und von dort nach Sheffield, UK.  Beide setzten während des Krieges ihr Leben im Kampf gegen das Nationalsozialistische Regime aufs Spiel, und hielten sich an die im ISK getroffene Vereinbarung, keine Kinder zu haben, um nicht (so leicht) erpressbar zu sein.  Auch nach dem Krieg blieb die Ehe kinderlos; Jupp und Änne kehrten 1946 ins Ruhrgebiet zurück.  Aber sie waren nicht wirklich kinderlos:  Ihre Nichte Marianne war so etwas wie ihre ” thumbs_jupp-002Tochter”.  Sie lebte bei Jupp und Änne und war wie “Kind im Haus”.  Mariannes leibliche Eltern lebten zu der Zeit noch, sie hatten ein sehr gutes Verhältnis zu Jupp und Änne.
In der Nachkreigszeit blieben beide der politischen Arbeit treu.  Änne, die leider nach dem Krieg mit vielen Gesundheitsproblemen zu kämpfen hatte, verstarb bereits 1956 im Alter von 50 Jahren.thumbs_ursula-kappius-in-1965

Im Dezember 1965 heiratete Jupp seine zweite Frau Ursula, und gründete doch noch eine Familie:  Ihre Ehe war mit einem Sohn und einer Tochter gesegnet.  Nach der Geburt seines Sohnes hat Jupp sich in seiner Freizeit sehr intensiv mit seinen Kindern beschäftigt, sicher auch, weil ihm sehr wohl bewusst war, wie wenig Zeit ihm noch blieb.thumbs_father-and-son-june-1966b

Jupp war ein intelligenter, begabter Mensch, der sich besonders gut in Kultur und Sprache fremder Länder einfühlen konnte.  Während der Emigration lebte er in der Schweiz, in Frankreich, in England und in Australien und hatte viel thumbs_jupp-010Gelegenheit, von dieser Begabung Gebrauch zu machen.  Essays, Berichte und Abhandlungen, die er während und nach dem Krieg verfasste, sind in deutscher und englischer Sprache erhalten, und auch seine Bemuehungen, seinen Franzoesischkenntnissen eine schriftliche Grundlage zu geben, sind erhalten.

Jupp war ein humorvoller Mensch mit besonderem Sinn für Situationskomik und einem phänomenalen Gedächtnis für Witze. Er hatte die Fähigkeit, bei Treffen oder Versammlungen, wenn die Stimmung etwas träge wurde, mit einer Vielzahl netter und immer stubenreiner Witze für thumbs_juppkappius1Aufheiterung zu sorgen.  Dieser Sinn für Humor half ihm auch, in seiner umfassenden Lehrtätigkeit fuer die Partei nicht besserwisserisch oder aufdringlich lehrhaft zu wirken, sondern seine Anliegen gut an den Mann – oder besser, da er ja vornehmlich in der Frauenschulung tätig war, an die Frau zu bringen.  Durch Anekdoten und Beispiele gelang es ihm leicht(er), Haltungen und Erkenntnisse anschaulich zu vermitteln.  Er hatte die Begabung, Wohlwollen und Achtung zu verbreiten – und zu gewinnen.

Doch es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass neben dem heiteren Jupp auch der schwermütige Jupp seinen Freuden sehr wohl vertraut war.  Die Schatten thumbs_father-and-son-christmas-1966seiner Jugend waren lang und die Jahre nach Ännes Tod einsam und dunkel.  Es ist eine Gnade, dass seine letzten Lebensjahre mit so viel Freude und Lebensbejahung, und dem pitter-patter kleiner Füße erfüllt waren, auch bevor er eigenen Kinder hatte, denn nach Mariannes Hochzeit hat Jupp mit ihrer Familie in einem Haus gelebt und die Babyjahre zweier ihrer drei Kinder sehr genossen, bevor er dann selbst wieder heiratete.  Dies waren bereits hellere Jahre für Jupp.

Jupps hervorstechende Eigenschaft war, dass er auf Rang und gesellschaftliche Stellung wenig gab.  Jeden Menschen, mit dem er in Kontakt kam, nahm er thumbs_JuppKappius6wahr, nahm er ernst.  Sicher half ihm dabei das Training des Beobachtungsvermögens, das er im ISK genossen hatte.  Er kannte die Sorgen des Zimmermädchens, den Liebeskummer der Serviererin, die Sorge um die kranke Mutter der Masseurin und die Sorgen seines Autohändlers, schlicht der Menschen, denen er am Tag begegnete.

In seiner Freizeit war Jupp sehr gerne draußen.  Wanderungen am Strand von thumbs_jupp-011Norderney, im Sauerland, im Teutoburger Wald, und ganz besonders in der Lüneburger Heide, waren ihm wichtig und haben ihm viel Freude gemacht.

In der Lüneburger Heide zog es ihn zum Wilseder Berg und zum Totengrund.  Jupp wollte immer wieder dorthin.  Der Ort wah erinnerungstraechtig; Ännes Grabstein hat Jupp aus der Lüneburger Heide nach Dortmund transprotieren lassen.thumbs_JuppKappius15

Zu Hause hat Jupp mit großer Freude und sehr schmackhaft gekocht.  Während der Internierung in Australien und spaeter in der “Vega” in London hatte er Restauranterfahrung gesammelt und das (vegetarische) Kochen lieben gelernt.  Ausserdem liebte er klassische Musik und Spirituals, und Rilkes Gedichte.

Am 30. Dezember 1967 verstarb Jupp in Dortmund, leider viel zu früh, wenn thumbs_jupps-grave-1auch nicht gänzlich unerwartet.  Sein Sohn Peter war zu diesem Zeitpunkt ein Jahr und knapp acht Monate alt, seine Tochter Anne-Sabine acht Wochen.  Wäre Jupp heute, 2016, noch am Leben, könnte er stolze sieben Enkelkinder, zwei Jungen und fuenf Mädchen, sein Eigen nennen.

 

Zum Abschluss

Jupp war zweifelsohne ein Mann von Format, sein Leben keinesfalls ein leichtes.  Geprägt von seiner harten Kindheit und Jugend sowie von seiner Zeit hat er sich für das eingesetzt, was er für richtig hielt, mit aller Kraft, auch wenn es unpopulär oder gar gefährlich war.  Überzeugungsstärke nötigt zu Recht thumbs_JuppKappius10Respekt ab; ob man mit seinen Überzeugungen übereinstimmt oder nicht, ist dabei zweitrangig.  Manche seiner Zeitgenossen haben Jupp bewundert, andere als Verraeter betrachtet, da sie annahmen, er habe im Auftrage der Alliierten gehandelt.
Jupp war auch ein Mann mit vielen Gesichtern, ein intelligenter und begabter Mensch, der Einfachheit und Understatement einem ausgeprägten Materialismus und Konsumismus vorzog, dem Menschen wichtiger waren als Status und Rang, der gerne lachte, trotz der Lasten, die er sein Leben lang mit sich herumtrug.  Möge er in seiner Vielfältigkeit und Vorbildlichkeit in unserer Erinnerung weiterleben.

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