Vom Sinn des Lebens

13.04.1942

“Lieber R.

20 Jahre wirst Du heute, die dritte Dekade Deines Lebens beginnt.  Nicht sehr ermutigend, hinter Stacheldraht.  Ich hatte Dir gewuenscht, dass es unter guenstigeren Umstaenden sein moechte, in der Freiheit.  Oder wenigstens in einer relativ groesseren Freiheit, denn wirklich frei sind wir ja nie.  Raum und Zeit, Umstaende und Naturgesetze ziehen einen Stacheldraht gewissermassen um jeden von uns, wo auch immer er lebe.  Immerhin, dieser Stacheldraht, in dem wir jetzt sind, ist weit enger gezogen, und, was das Bedeutende ist, nicht von Natur-Notwendigkeit, sondern von Menschen gezogen, die uns widerrechtlich hier zurueckhalten.
Das dies Unrecht Dir wieder gut gemacht waere, haette ich Dir gewuenscht.  Aus der Enge jener Begrenzungen, die ein Teil unserer menschlichen Natur sind, kannst Du nicht befreit werden.

Immerhin, Du koenntest Dich frei fuehlen innerhalb des grossen Stacheldrahtes des Lebens in einer Gesellschaft ~ der Natur.  Ob Du es tust, haengt von Dir selber ab.  Davon, was Du mit Zeit und Raum und Umstaenden beginnst, davon – kurz – was du mit deinem Leben anfaengst.  Denn dies ist die Frage, die ein nachdenklicher Mensch beantworten sollte:  Was fange ich mit meinem Leben an?  Welchen Sinn soll ich meinem Leben geben?

Sinn des Lebens featured

Eine schwierige Frage.  Und eine, die Du fuer Dich selber loesen musst, wenn Du nicht einer on Vielen sein willst. die in den Tag hinein leben, ihre ganze Aufmerksamkeit darauf richten, wie sie ihre Beduerfnisse befriedigen, wie sie es so angenehm wie moeglich haben koennten.  Dies ist eines Menschen unwuerdig.  Denn das gerade macht den Menschen aus, dass er sich Zwecke setzen kann, dass er nicht von einem Moment zum anderen leben muss wie ein Tier, sondern planen kann in die Zukunft, dass er seine Augen zum Himmel erheben kann und sie auf ein fernes Ziel richten, das zu erreichen er die Kraefte seines Koerpers, seines Geistes und seiner Seele einsetzen kann.

Welches Ziel sollte der Mensch sich setzen?

Es bequem und angenehm zu haben, ist kein Ziel.  Das erreichen wir ohne Anstrengung dadurch, dass wir immer gerade dem nachgeben, was unser Koerper verlangt, dem, was wir am liebsten moechten – essen oder schlafen, arbeiten oder faulenzen – wie es die Gunst der Stunde bringt und eingibt.  Nicht wahr, dies ist kein Ziel, dass man sich ausdruecklich setzen muesste.  Es muesste schon ein ideales Ziel sein, eines, das ueber persoenliche Wuensche und Begierden hinausgeht.

Welches Ideal, denn, sollte der Mensch erstreben?  Eine Riesenauswahl steht Dir Da zur Verfuegung, und viele “Ideale” werden Dir von allen Seiten entgegengehalten als einzig wahr, einzig erstrebenswert, einzig wertvoll im Leben eines Menschen.  Es wird Dir schwindlig werden und Du wirst hilflos um Dich schauen nach festen Werten, die es Dir ermoeglichen, Falsches von Echtem zu scheiden und das Echte zu ordnen nach seinem Wert.

Gerade in dieser Zeit, wo fast die ganze Welt mit einem moerderischen Krieg beschaeftigt ist, gerade in dieser Zeit kommen die falschen Propheten in Scharen mit ihren glaenzenden Idealen.  Fuer’s Vaterland zu leben und zu sterben, zu morden und zu zerstoeren; Fuer die “Groesse” und Glorie jenes Landes, in dem Du zufaellig geboren bist.  Viele junge Menschen folgen heute diesem Ideal, bringen freudig grosse Opfer.  Fuer Dich freilich wird dieses schimmernde Ideal kaum eine Anziehungskraft besitzen.  Das “Vaterland” wird seine magiche Kraft fuer Dich laengst verloren haben, nachdem Du in jungen Jahren schon solch brutale Unterdrueckung kennengelernt hast.

Aber es gibt andere: Reichtum, Macht, Besitz, Wissen, und viele andere Dinge, die mehr oder weniger Wert haben, die fuer sich selber als Ideale, als erstrebenswerte Lebenszwecke angeboten werden.  Lass Dich nicht taeuschen, R..  Wirklichen Wert haben diese Dinge nur mittelbar, naemlich insofern, als sie als Mittel dienen zur Erreichung eines wahren Ideals.  Sie koennen gleicherweise benutzt werden zur Erreichung niedriger Zwecke, zur politischen, wirtschaftlichen, geistigen Unterdrueckung anderer, zur Erfuellung rein persoenlicher Wuensche und Bestrebungen.  In sich selber haben diese Dinge keinen Wert.  Und sind somit auch nur mittelbar erstrebenswert, sofern sie der Erfuellung eines Zwecks dienen koennen.

Wenn wir nun fragen, was denn nun ein erstrebenswertes Ideal sei, so kommen wir vielleicht am besten zu einer Antwort, wenn wir uns fragen, was es denn sei, das wir am meisten ablehnen, verurteilen, bekaempfen.  –

Es ist die Unterdrueckung, die Ausbeutung.  Diese ist es immer wieder, die uns entruestet, die uns zur Abwehr, zum Gegenangriff treibt.  Dieser Krieg wird auf beiden Seiten im Namen der Abwehr von Unterdrueckung gefuehrt.  Selbst die faschistischen Laender Deutschland, Italien, Japan, selbst diese haben dies als Grund ihrer Angriffe propagiert:  dass andere dabei oder im Begriff seien, sie zu unterdruecken, auszubeuten.  Warum?  – Um den berechtigten Zorn der Bevoelkerung gegen Ausbeutung zu wecken und so den Angriff auf andere wagen zu koennen.

Und diese Entruestung gegen Ausbeutung ist da, unabhaengig davon, ob jener einzelne Mensch – oder jener Regent – , der andere unterdrueckt, noch eine Menge anderer Qualitaeten hat, ob etwa Musik, Theater, Buecherwesen, Reisen, und was sonst noch alles eine grosse Rolle spielt,  –  wenn Unrecht geschieht, tritt all das Schoene sofort in den Hintergrund und die Entruestung ueber das begangene Unrecht bestimmt das Verhalten zu jenem Menschen oder Lande – besser sagen wir, Regierung eines Landes.

Dies zeigt, dass wir das Ideal der Gerechtigkeit hoeher stellen als alles andere, zeigt, dass selbst aesthetische Werte von Schoenheit und Harmonie, wenn sie in Widerstreit treten mit der Gerechtigkeit, fuer wertloser genommen werden als diese.

Sollte dies denn der Sinn eines vernuenftigen Lebens sein, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen?  Zustaende zu schaffen auf dieser Welt, die sich mehr und mehr dem Ideal der Gerechtigkeit naehern, oder jedenfalls zu tun, was in der eigene Macht liegt, dass solche Zustaende erreicht werden?  Sollte es das erste und vordringlichste und wertvollste Ziel sein, das Menschen sich setzen koennen, damit erst einmal die Grundlage gelegt wird fuer die Moeglichkeit eines vernuenftigen Zusammenlebens ueberhaupt?

Welchen Sinn hat Dein Leben, R.?  Welchen Sinn willst Du Deinem Leben geben?

Von der Loesung dieser Frage wird es abhaengen, ob Du Dich frei fuehlst, ob Du Dein Leben nicht sinnlos verbringst.  Beginne denn die dritte Zehnerreihe mit der Absicht, eine Antwort auf diese Frage zu finden.  Meine besten Wuensche begleiten Dich auf Deinem Wege.

Dein Jupp.

 

 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s