Ueber den Freien Willen: Zusammenfassung in 10 Thesen

Unter dem Titel “Ueber den Freien Willen” schrieb Jupp eine Abhandlung, die als Zusammenfassung der psychologischen Erkenntnisse, die Jupp durch Erlebnisse, Reflektion und viele Gespraeche waehrend seiner Internierungszeit in Australien gewonnen hat, gewerted werden kann.  Die Anhandlung hat die Form eines Briefes, und wenn sie auch sicherlich mit einem bestimmten Addressaten im Kopf verfasst wurde, ist es doch weniger ein Brief als vielmehr eine Aufarbeitung der Vergangenheit und ein Neuanfang, in Vorbereitung auf die grossen Aufgaben, die noch vor ihm lagen.  Wie wichtig Jupp diese Abhandlung war, kann man unter anderem daran erkennen, dass er das recht umfangreiche Dokument mehrfach sorgfaeltig abschrieb, auch wenn nicht alle Abschriften beendet wurden.  Und wer nach Grueden sucht, warum Jupp willig und faehig war, Operation Downend auf sich zu nehmen, der findet in dieser Abhandlung den philisophischen und psychologischen Unterbau fuer Jupps Willensstaerke und Zielstrebigkeit.

An einer digitalen Komplettabschrift der Anhandlung arbeiten wir derzeit noch.  Hier schon einmal der Inhalt der Abhandlung in 10 Thesen.

“Nachdem ich diesen Brief nun nochmal durchgelesen habe, scheint es mir, als waeren eine Menge von Problemen angeschnitten worden, ohne dass das Hauptproblem in der fuer das Verstaendnis notwendigen Schaerfe heraustraete.  Vielleicht waere kuerzer besser gewesen, – man braucht nur so sehr viel Zeit dazu, kurz zu schreiben.  Ich werde denn auch diesen Brief, so wie er ist, erst einmal an Dich abgehen lassen, aber ich werde jetzt noch mal die Grundgedanken des ganzen Briefes so kurz zusammenfassen, wie es mir moeglich ist, vielleicht in Form von Thesen, sodass man das Geruest des Briefes rasch uebersehen kann, ohne durch die vielen angeschnittenen Probleme abgelenkt zu werden.

So hoffe ich denn, dass Du Gewinn davon haben wirst, dieses Ungetuem von einem Brief zu lesen.  Bis ich wieder von Dir hoere, verbleibe ich in alter Verbundenheit

Dein Freund J.

These 1)
“Das Verhalten von Menschen ist vorausberechenbar.
Irrtuemer in der Vorausberechnung beweisen nichts zum Gegenteil dieser Ueberzeugung; sie beruhen auf Fehlern in der Berechnung.”

These 2)
“Grundlage fuer diese Ueberzeugung ist unsere Ueberzeugung von der Freiheit des Willens, die ein Handeln aufgrund eigener Entscheidungen auch gegen Widerstaende moeglich macht.”

These 3)
“Der Wille ist nicht voellig frei:  Er kann sich nur auf im Rahmen der Naturgesetze moegliche Handlungen richten.”

These 4)
” ‘Freier Wille’ heisst nicht, dass ein Mensch sich in einem bestimmten Augenblick ‘frei’ entscheiden kann.  So wie er handelt, handelt er mit Notwendigkeit, – er kann nicht anders.
Im Augenblick der Handlung ist der Wille vollstaendig bestimmt durch die aeusseren + inneren Umstaende und das verbindende Naturgesetz.”

These 5)
“Vorausberechnugn ist moeglich, weil der “freie” Wille nicht willkuerlich entscheidet, sondern nach gesetzmaessigen Zusammenhaengen, die nach Anlage und Inhalt erkennbar sind.
a) Wie ein Mensch handeln wird, haengt von seinen Interessen ab.
b) Der Mensch kann Einfluss nehmen auf die Bildung seiner Interessen, und so sein zukuenftiges Verhalten selber bestimmen.
c) Die Entwicklung der Einsicht in den Wert der Dinge ist die Grundlage fuer die Bildung unserer Interessen.  Von der Einsicht in den Wert gehen die Interessen aus.
d) Ob wir Vorsaetze ernst nehmen, haengt gleichfalls von der Einsicht in den Wert des Vorgenommenen ab, – sowie auch von der Einsicht in den Wert des Einhaltens von Vorsaetzen ueberhaupt.

These 6)
“Damit man an seinen Interessen arbeiten kann, ist es notwending, sie genau zu kennen.”

These 7)
“Die Interessen arbeiten nicht nur im klaren Bewusstsein, sie arbeiten in noch groesserem Umfange im unbewussten Teil des Bewusstseins.”

These 8)
“Von den Interessen haengt es ab, welche Sinneseindruecke, Gedanken und Gefuehle ins klare Bewusstsein kommen:  Die Interessen lenken die Aufmerksamkeit des Bewusstseins.”

These 9)
“Zurueckgehend kann man von dem, worauf die Aufmerksamkeit des Bewusstseins gelenkt wird, in Verbindung mit den zugehoerigen Umstaenden, auf die Interessen schliessen.   Dies ist der Weg, Interessen zu erkennen.”

These 10)
“Die Betaetigung des freien Willens besteht darin, durch Bildung der Interessen solche inneren Umstaende zu schaffen, dass sowohl die Auswahl der Zwecke wie auch ihre Verfolgung nicht der zufaelligen Gunst der Umstaende ueberlassen wird, sondern in gewolltem Sinne erfolgt.”

Die in Jupps Brief “Ueber den Freien Willen” zusammengefassten Gedanken folgen Leonard Nelsons “Kritik der Praktischen Vernunft”.  Nelson, der sich selbst als ethischen, antiklerikalen und nichtmarxistischen Sozialisten sah, schrieb der philosophischen Ethik eine wichtige Rolle beim Wandel gesellschaftlicher Moralvorstellungen zu.  Zentral in seinen moralphilosophischen Überlegungen waren die “Interessen” sowie das “Wollen”:  “Was auf den Willen wirkt, ist immer ein Interesse.” .
Jupps Notizbuecher enthalten umfangreiche Abschriften zu diesen beiden Begriffen.

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