Kindheit, Eltern und Geschwister

kindheit

Je länger ich drüber nachdenke, um so deutlicher wird mir, wie wenig Jupp doch von seiner Kindheit und Jugend erzählt hat und ich erinnere mich, daß er eigentlich immer bedrückt und in sich gekehrt war hinterher, wenn er davon erzählt hatte.

So nette Erinnerungen wie das erste Auto, daß in seiner Stadt irgendwann auf der Straße von den Kindern – unter ihnen Jupp – bewundert wurde, waren da eher selten. Ich weiß nicht einmal, wo die Familie in Jupps Kinderzeit wohnte. Der Vater war Stellmacher und oft außer Haus. Jupp hatte keine guten Worte für ihn, es scheint, als sei der Vater ein derber, unsensibler Mann gewesen. Mit seinen Schwestern hatte Jupp im Erwachsenenleben keinen Kontakt – außer mit Hanny, die sich dann später, als er eine Position hatte, seiner erinnerte. Es gibt noch eine Schwester, deren Namen ich mal gehört hatte und die ich von Jupps Tod benachrichtigen konnte. Eine kurze Karte war die Antwort, ein weiterer Kontakt nicht gewünscht.

Die Ehe von Jupps Eltern war zerrüttet — nach Jupps Meinung durch die Schuld seines Vaters. Die Mutter drohte mit Scheidung, um den Mann zur Besinnung zu bringen. Der Mann nahm die Scheidung an — in damaliger Zeit total ungewöhnlich – fast eine Sensation und eine Katastrophe für die Frau. Jupps Mutter, von der er nur in den zärtlichsten Tönen sprach und die er bis zu seinem Tod innnig geliebt hat, mußte die Kinder verlassen und in einem Gartenbaubetrieb ihren Unterhalt verdienen. Jupp hat mir erzählt, daß er sie als Kind oft von Ferne auf einem Feld bei der Arbeit beobachtet hat — ein Kontakt mit der Mutter war den Kindern untersagt. Der Vater heiratete wieder. Ich weiß wenig von Jupps Kindheit, die sich daran anschloß, nur, daß er eine innige Beziehung zur katholische Kirche hatte. Er ist JEDEN Morgen, auch bei Wind und Wetter zur Kirche gelaufen, um die Glocke zur 6 Uhr Messe zu läuten und Meßdiener zu sein — vor der Schule, versteht sich. Die Kinder – bis auf Hanny, blieben also bei dem Vater und der zweiten Frau — nur Hanny wurde von den beiden Schwestern seiner Mutter — beides unverheiratete Lehrerinnen — großgezogen. Hanny hat eine höhere Schulbildung bekommen, die anderen Kinder nicht. Die Erziehung der Tanten hat Hanny sicher sehr geprägt, sie empfand sich eigentlich immer den übrigen Geschwistern gegenüber überlegen. Als Jupp dann im Landtag war, hat sie ihn für sich „entdeckt“. Sie machte eine Banklehre und arbeitete später als Berufschullehrerin. Sie war eine sehr elegante Dame und hat mir in der ersten Begegnungen viel Hemmungen eingeflößt. Später habe ich erkannt, daß sie viele Schwierigkeiten hatte, mit dem Leben fertig zu werden. Sie gehörte viele Jahre zu einer Sekte und hat sich dort beheimatet gefühlt. Aber sie hat sich zumindest für die Entwicklung von Jupps Kindern interessiert und hin und wieder ein Päckchen geschickt.

Als Jupp Änne kennenlernte, hat er sich total mit seinem Vater überworfen. Der Streit war so heftig, daß Jupp all seine Hemd-Einsteckkragen in der Mitte durchgerissen in seinem Koffer gefunden hat. Die Wut muß ihm Bärenkräfte verliehen haben. Ein Mädchen aus Arbeiterkreisen mit Interesse an Gewerkschaft und Arbeiterbewegung muß ein Dorn gewesen sein in des Vaters Augen —

Jupp ist bei Änne aufgeblüht und hat sich in der „Wandervogelbewegung“ und in der politischen Arbeit wohl gefühlt. Wie sein erster beruflicher Werdegang war, habe ich schlicht vergessen, aber daß er sich von seinem ersten Lehrlingsgehalt einen Bildband von Auguste Rodin gekauft hat, das hat er oft erzählt. Doch davon berichte ich später.

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