Das Ideal der vernuenftigen Selbstbestimmung

Bilden heisst im Grunde nichts anderes als Formen und Gestalten.  Das erfordert einen Stoff, der geformt wird, und eine Form, nach der geformt wird.  Bildung ist also ein abstufbares Merkmal; sie laesst Gradunterschiede zu.  Sie wird umso vollkommener sein einerseits, je mehr Stoff geformt ist, und andererseits, je mehr der Stoff geformt ist.  Bildung haengt einmal von der Mannigfaltigkeit dessen ab, was gestaltet wird, und zweitens von der Einheit des Ganzen selber.

Nun sprechen wir im engeren Sinne von Bildung aber erst da, wo das Gestaltete mit dem Gestaltenden identisch ist, wo es sich um Selbstgestaltung handelt, um selbsttaetige Gestaltung, wie wir sagen koennen.  Selbstgestaltung setzt ein Vermoegen der Selbsttaetgkeit voraus.  Diese Selbsttaetigkeit ist eigentlich das, was man im bestimmten Sinn des Wortes “Leben” nennt; denn Leben ist die Eigenschaft eines Wesens, sich selbsttaetig zu gestalten und zu erhalten.  Man spricht zwar von Leben auch da, wo sich ein physischer Prozess durch die Wechselwirkung innerer und aeusserer Kraefte erhaelt, ohne dass er durch ein eigenes Vermoegen der Selbsttaetigkeit bestimmt wird.  Je nach der anscheinenden Abgeschlossenheit solcher Systeme lassen sich verschiedene Grade der Lebendigkeit unterscheiden.

Wenn wir aber das Wort “Leben” nicht nur in diesem weiteren Sinne anwenden wollen, sondern in seinem eigentlichen Sinn, so duerfen wir es nur anwenden auf Vernunftwesen.  Nur sie haben die Moeglichkeit der Selbsttaetigkeit.  Das Vermoegen der Selbsttaetigkeit ist die Vernunft, und das Vermoegen, die eigene Person der Vernunft gemaess zu gestalten, ist der Wille.

Das Ideal der Bildung ist also nur anwendbar auf vernuenftige Wesen und fordert von ihnen zunaechst willkuerliche Leitung des eigenen Lebens.  Nun wird aber der Wille seinerseits bestimmt durch Antriebe.  Diese Antriebe koennen entweder auf zufaelligen aeusseren Eindruecken beruhen, oder aber sie koennen aus dem Wesen des vernuenftigen Geistes selber entspringen.  Laesst sich der Wille durch einen zufaelligen, dem Wesen des Vernuenftigen Geistes fremden oder aeusseren Eindruck bestimmen, so haengt er von etwas Fremden ab.  Wir haben es mit keiner wahren, mit keiner eigentlichen Selbsttaetigkeit zu tun.  Zu einer solchen gehoert, dass der Wille nicht durch zufaellige, blinde, naemlich triebhaft wirkende Antriebe bestimmt wird, sondern dass er seinerseits ueber die Antriebe herrscht und sich als besonnener Wille selber bestimmt, indem er in das Spiel der Antriebe eingreift und die Willensbestimmung dem Zufall entzieht.

Aber auch diese Besonnenheit der Willensbestimmung ist noch nicht Selbsttaetigkeit im vollen Sinn.  Denn auch ein auf aeusseren Eindruecken beruhender  und also sinnlicher Antrieb kann den Willen in der Form der Besonnenheit bestimmen, und es fragt sich erst, ob der Wille durch ein sinnliches Interesse bestimmt wird, oder ob er sich selber bestimmt gemaess dem Prinzip der Selbsttaetigkeit, das ihm durch die Natur des vernuenftigen Geistes vorgezeichnet ist.

Das Ideal der Bildung ist demnach nichts anderes als vernuenftige Selbstbestimmung oder Herrschaft des vernuenftig bestimmten Willens ueber das Leben.

Wir haben hiermit wirklich ein Kriterium unserer Ideallehre aufgestellt und nicht nur, sei es auch in verschleierter Form, das Ideal des Idealismus wiederholt.

 

Aus:
Leonard Nelson:  System der philosophischen Ethik und Pädagogik.    Gesamttitel:  Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik, Bd. 1.  Aus d. Nachl. hrsg. von Grete Hermann u. Minna Specht.  Goettingen 1932 [Ausg.] 1931, S. 220.

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