Stille Helden/ Unsung Heroes: Anna Kothe

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Stille Helden: Anna Kothe

Es gibt ja immer diejenigen, deren Namen in aller Munde sind, und dann die, deren Namen kaum jemand kennt oder erinnert. Anna Kothe war von der letzteren Sorte. Ungeachtet dessen war sie eine feste Groesse in der sozialistischen Widerstandsarbeit in den 1930er und 1940er Jahren in Deutschland. Heute, am 24. Oktober, jaehrt sich ihr Todestag zum 26. Mal.

Anna Gesine Elisabeth Kothe wurde am 26. Mai 1898 als Tochter von Johann Hermann Hinrich Kothe und seiner Frau Elise, geb. Blohm, im preussischen Hemelingen (heute ein Stadtteil von Bremen) geboren. Ihre Familie was evangelisch-lutherisch, nicht weiter verwunderlich in der Gegend, auch wenn der Maedchenname ihrer Mutter eine juedische Abstammung vermuten laesst. Von Annas Kindheit und ihren Eltern wissen wir nur wenig, aber Geschwister hatte sie sicher, denn in Nachkriegszeiten besuchte sie wiederholt Familienmitglieder im Bremer Sueden.

Anna genoss eine hauswirtschaftliche Ausbildung, wuerde Diaetkoechin und trat in der politischen Arbeit als erstes in den 1920er und 1930er Jahren als Hauswirtschafterin fuer IJB- bzw. ISK-Wohngemeinschaften in Berlin und in Goettingen auf. Der Internationale Jugend-Bund und der Internationale Sozialistische Kampf-Bund, auch Nelson-Buende genannt, waren Organisationen, die von Leonard Nelson ins Leben gerufen worden waren und die langfristing der Bildung einer “Partei der Vernunft” dienen sollten. Anna trat mit grosser Wahrscheinlichkeit 1925 bei, denn in diesem Jahr trat sie aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus. ISK Mitglieder waren dazu verpflichtet, sich von allen religioesen Organisationen zu loesen.

In 1934 uebernahm Anna die Leitung der vegetarischen Gaststaette VEGA in Hamburg. Der ISK hatte mehrere solcher Gaststaetten in Deutschland und spaeter auch in London, die als Kontaktstellen für die Widerstandsarbeit gegen das NS-Regime dienten. Anfang Mai 1938 wurde Anna im Rahmen einer groesseren Verhaftungswelle gegen die Hamburger ISK-Gruppe, die im Dezember 1937 begonnen hatte, festgenommen und zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie vom 17. Maerz 1938 bis zum 22. September 1940 in Berlin und Luebeck absass. Besonders der harte Winter 1939-1940 muss den Insassen zu schaffen gemacht haben. Anna, so erzaehlte sie spater, hielt sich mit den Bonbons am Leben, die sie die Insassen in Luebeck verpacken mussten, und ihrer politischen Ueberzeugung hatte die Zuchthauszeit keinen Schaden getan, im Gegenteil.

Nach ihrer Entlassung im September 1940 arbeitete Anna im Haushalt Ernst Volkmanns und seiner Frau in der Burgstrasse 15 in Bochum, in eben dem Haus, in dem Jupp nach seinem Fallschirmabsprung 1944 versteckt wurde. Nach dem Krieg lebte Anna erst noch eine Weile in der Burgstrasse 15; spaeter fuehrte sie dann Willi Eichlers Haushalt in Koeln und in Bonn, und nach dessen Tod lebte sie weiter mit Willi Eichlers Frau Susanne Miller zusammen in Bonn. Anna trat, wie viele der ISK Mitglieder, 1945 der neu gegruendeten SPD und zwei Jahre spaeter der Arbeiterwohlfahrt (AWO) 1947 bei, wo sie 45 Jahre lang aktiv taetig war.

Anna starb am 24. Oktober 1994 im Alter von 96 Jahren in Bonn und ist dort auch beigesetzt.

Alle, die sich ueber Anna aeusserten, haben stets ihren geraden Charakter und ihre stille Staerke betont und hoch gelobt, und natuerlich ihre Plaetzchen. Wir denken, sie verdient es mehr als manch ein anderer, dass man sich ihrer erinnert. Da sie nie geheiratet hat, hatte sie keine eigenen Kinder, und die Oeffentlichkeit scheint sie vergessen zu haben. Hier wird ihr Andenken in Ehren gehalten, denn wir haben sie sehr gern gehabt, ganz abgesehen davon, dass wir ihr viel zu verdanken haben. Ihre Unterstuetzung fuer ihre Freunde hoerte mit dem Niedergang des Nazionalsozialismus nicht auf. Nach Jupps Tod 1967 war Anna mit Herz und offenen Haenden da, um Jupps junger Witwe und seinen beiden kleinen Kindern zur Seite zu stehen, und der Kontakt brach bis zu ihrem eigenen Tod 27 Jahre spaeter nicht ab.

Requiescat in Pace, Anna. Du hast dir deinen Frieden wahrlich verdient.

Mein Vater Jupp schrieb am 12. Mai 1945 ueber Anna:

“Anna ist eine praechtige Genossin mit einer Loyalitaet, die ganz einfach unbedingt ist, mit einer festen und gerade Gesinnung, die es ihr z.B. unmoeglich macht, im Zuchthaus Fleisch zu essen, obwohl die Bedingungen oft sehr schwierig waren. Sie bringt es einfach nicht fertig. Spaeter, unter den viel leichteren Bedingungen draussen, sah sie schon gar keinen Grund, vom Vegetarismus abzugehen. Anna ist zudem von einer absoluten Zuverlaessigkeit und einer Sorgfalt, die sich schon waehrend der Hamburger Schwierigkeiten mit der Gestapo bewaehrt hat und die sich erneut gezeigt hat, als ein Gestapospitzel in Bochum zu ihr kam im Januar dieses Jahres, mit dem sie sehr geschickt umgegangen ist. Es ist gewisslich ihr zu verdanken, dem absolut unschuldigen und unwissenden Eindruck, den sie gemacht hat, dass wir nicht weiter von der Gestapo belaestigt worden sind. [Anmerkung: Die Geschichte vom Gestapospitzel ‘Gerda’ hat Jupp in englischer Sprache niedergeschrieben, siehe weiter unten.]

“Anna war es, die waehrend des ganzen Krieges Verbindungen mit den (ISK-) Genossen aufrecht erhalten hat. Sie wusste von allen Genossen, wo sie waren, wusste ihre Geschichte, Einstellung, Verfassung, kannte alle Addressen und alle Familienverhaeltnisse. Sie ist die lebendige ISK-Chronik dieser Jahre. Anna war auch die einzige, die staendig Nachrichten nach der Schweiz geschickt hat, keine grossen politischen Dinge, aber immerhin die Mitteilung, dass sie noch lebte, und vor allem ihre Addresse, so dass man wissen konnte, wo ganz bestimmt ein Genosse aufzufinden war. Ich kann mir denken, dass dies ein beruhigendes Bewusstsein war, ale Aenne zum ersten Mal von der Schweiz nach Deutschland fuhr

From: Martin Ruether, Uwe Schuetz und Otto Dann (Hrsg.): Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46. K.G. Saur Verlag, Muenchen 1998, S.56.

Hier ist eines der wenigen Bilder, die wir von Anna haben. Sie war zu dem Zeitpunkt 80 Jahre alt. Ein Link zu einer Quelle fuer mehr Bilder von Anna und ihren Freunden und Genossen findet sich unter diesem Bild.

Anna Kothe (26. Mai 1898, Bremen-Hemelingen – 24. Oktober 1994, Bonn) in 1978 in Bremen.

Bilders aus Annas juengeren Jahren und im Kreise von Freunden und Genossen finden sich beim Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Online koennen Fotos eingesehen und bestellt werden. Das folgende Bild ist ein Link zur Forschungsseite, Suchergebnisse fuer ‘Anna Kothe’.

Anna Kothe um 1940, Archiv-Signatur 6/FOTB062392
Dieses Bild ist ein Link zum Archiv der sozialen Demokratie der FES und zeigt Anna um 1945.

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Unsung Heroes: Anna Kothe

Anna Kothe is one of these people without whom things would have been very different in life for a lot of people, but who very quickly are forgotten by ‘the public’. Unsung Heroes we call them. Here is a little bit of her story.

Born into a Lutheran family on 26 May 1898 in Hemelingen which later became part of the city of Bremen, Germany, and daughter of Johann Hermann Hinrich Kothe and his wife Elise nee Blohm, Anna Gesine Elisabeth Kothe learned home economic and trained to be a cook. She became politically interested and involved, and in the 1920s and 1930s kept house for various ISK members who shared flats. We have good reason to believe that she joined the ISK in 1925 because it was then that she left the Lutheran church, something that was required of ISK members.

In 1934, she started running one of the vegetarian restaurants the ISK owned and used for centers of information exchange and contact among group members, the VEGA in Hamburg. When the ISK group in Hamburg got caught by the Gestapo in December of 1937, Anna lost the restaurant by order of the Gestapo in May of 1938, was arrested, convicted, and sent to prison in Berlin and Luebeck for two and a half years, from 17 March 1938 to 22 September 1940. Being a vegetarian like all ISK members, times were doubly hard for her there, but apparently she was able to steal some of the candy she and the other inmates had to pack at the Luebeck facility to beef up her portions (pun unintended) and survived, her spirit unbroken.

After her release in September 1940, she started to work for Ernst Volkmann and his wife in their house in the Burgstrasse 15 in Bochum, the very same house in which my father was later hid when he entered Germany clandestinely in 1944, and where Anna continued to live for a while after the war. When the war was over, Anna joined the new-formed SPD and later the AWO, an organization concerned with the well-being of workers. In both organizations she was an active member for well nigh 45 years. Otherwise, after leaving the household of Ernst Volkmann in Bochum, she kept house for Willi Eichler in Koeln and Bochum, and after his death continued to live with Willi’s wife Susanne Miller until her own death on 24 October 1994.

Requiescat in Pace, Anna. The public might have forgotten you, but we surely have not. We owe much to you and are grateful for the friendship and support you have shown Jupp as well as us even after Jupp was long gone.

Everyone who knew Anna and talked about her praised her strength of character and her steadfast conviction – and her cookies. During the war, she was the living chronicler of the ISK, knowing everything about everyone, where they lived, what their history was and their family situation, and how they were doing. She was also the one who kept contact with the ISK members in Switzerland and made sure Aenne (as “Jutta”) knew where she would find a comrade when she traveled into the Reich in 1944 and 1945.

To illustrate how Anna once managed to dissuade a Gestapo infiltrator and thus saved not just my father’s skin but that of several others as well, we shall quote from a letter Jupp wrote from London on 10 May 1945:

The Story of Gerda

About the middle of January, 1945, in fact the same day Jutta (i.e., Aenne Kappius) arrived in Bochum, a courier came from Hamburg warning us of arrests of friends that had taken place in Berlin, Hannover and Goettingen. These friends were members of the ISK who had formerly been imprisoned for illegal activities. As the friend I was living with (i.e., Anna Kothe) had been involved in that and furthermore had recently been in communications with some of those arrested, we had to expect a visit from the Gestapo. Therefore we moved Jutta and myself out of this place, decided to keep her in Bochum and send somebody else to do her round of visits with a view of trying at the same time to find out what had happened. While this courier was on his way a woman turned up at the Burgstrasse one late afternoon. She pretended she had come from Berlin to warn our friends of the arrests that had taken place, giving to understand that she knew the people arrested and also knew about their connection with our friend she was talking to (i.e. Anna). Our friend, however, was wary, did not deny to know those arrested but pretended she couldn’t think of any reason why they should have got into trouble with the Gestapo. The woman visitor then suggested it might have something to do with Jutta, of whose former visit she knew, of whose impending visit she was informed she said, whose real name she actually mentioned and whom she pretended she was very much concerned to warn of the danger she was in. Our friend, however, didn’t let on anything, pretended she had never heard of Jutta and anyway, didn’t see at all what the other woman was getting at. This woman then tried to make our friend more confident, telling her she was on the move herself to avoid arrest, saying she had been staying with a friend in Duesseldorf for the past fortnight and that she had really hoped our friend would be so kind and put her up for a day or two. This our friend flatly refused to do, claiming it was not her house and not her flat so she could on no account dispose of the flat without permission of her employer (i.e. Ernst Volkmann) and, anyway, she would have nothing to do with anything that would get her into trouble with the police. She stuck to this line, although all the time her own mind was troubled lest she might be wrong and the visitor was really genuinely trying to warn her and she was turning her out of doors (it was bitterly cold). Still she stuck to it, and the visitor turned away, complaining of her disappointment to find such inhospitable people when she expected to meet real solidarity. (…)

Gerda had no success in the Ruhr nor at any other place. Perhaps our friend in Bochum had really convinced her she didn’t know anything, for we never noticed anything suspicious in the way of watching or shadowing; the Gestapo must have dropped the thing.

From: Martin Ruether, Uwe Schuetz und Otto Dann (Hrsg.): Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschland 1945/46. K.G. Saur Verlag, Muenchen 1998, pp. 50-51.

Anna Kothe around 1940, archive signature 6/FOTB062392
This picture is a link to the Archiv der Sozialen Demokratie der FES and shows Anna around 1946.

Pictures of a younger Anna and of her friends and comrades can be found at the Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Germany. They can be viewed and ordered online. Please click on the thumbnail above to go to their photo research page, query ‘Anna Kothe’.

One Reply to “Stille Helden/ Unsung Heroes: Anna Kothe”

  1. Danke für dieses Gedenken liebe Anne.Anna gehört auch für mich zu den stillen Helden .Sie war mir Freundin und Hilfe in schwierigen Tagen,eine großartige Frau und wahrlich ein Vorbild an Charakterstärke,Gradlinigkeit und Güte.

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