Cappius v. Reelen: Vom Verlust eines Hausnamens

Wenn ich heute nach Haaren, NRW, kaeme und nach meinem (Maedchen-)Namen gefragt wuerde, waere “Kappius” als Antwort nicht genug – “Welche Kappius?”, wuerde wohl gefragt werden, denn in Haaren wohnen viele Kappikuesse.  “Kappius von Reelen” waere hingegen eine befriedigende Antwort.  Wie kommt das wohl?

Vor knapp dreihundert Jahren kam der erste Kappius-Vorfahre unseres Astes des Stammbaums nach Haaren.  Johann Franciscus Cappius lebte seit 1723 in Haaren, aber Geburts- oder Sterbedaten haben wir von ihm nicht.  1723 ist das Jahr, in dem er seine Frau Elizabeth, geborene Freytag, in Haaren geheiratet hat.

Ihr gemeinsamer Sohn Konrad Ignatius Cappius, geboren am 30. Juli 1727 in Haaren, fuehrte seit Februar 1765, seit der Taufe seines 3. Kindes, den Name “Reelen” als Hausname (“genannt (gt.) Reele”).  Da in Haaren Grundstuecke ihren eigenen Namen haben (Hausnamen eben), muss der Reelen Hof in Haaren seit dieser Zeit in Familienbesitz gewesen sein.

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Haaren im Jahre 1830, Hoflage markiert

Und so blieb es fuer etwas ueber 100 Jahre:  Konrad Ignatius’ Sohn Johannes Bartholomaeus (1755 – 1781uebernahm den Reelen Hof in Haaren und nahm ergo den Beinamen Reelen an.  Geschrieben wurde das “Cappius v. Reelen”, wobei das “v.” fuer “vulgo”, lateinisch fuer “genannt”, steht.  Als Berufsbezeichnung fuehrte er “Ackermann”.

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Reelen-Hof in Haaren, 1830

Johannes Bartholomaeus’ Sohn und Hoferbe Johannes Franz Heinrich (1789 oder 1786), ebenfalls von Beruf Ackermann, musste auf den Hof im Jahre 1820 eine Hypothek aufnehmen.  Verschiedene Glaeubiger – im Hypothekenbrief werden die Namen Levi Sterne und Levi & Solomon Rose, sowie die ortsansaessige Kirche mit Pastor Paschen als Vertreter genannt – hielten die Haende auf, bis schliesslich der Reelen Hof im Jahre 1877 an diese Glaeubiger verloren ging.

Warum der Hof beliehen werden musste, wissen wir nicht.  Misswirtschaft mag dafuer verantwortlich gewesen sein, oder die Folgen der Napoleonischen Kriege, oder ein bisschen von beidem.  Doch war die Cappius-Familie mit ihren Problemen kein Einzelfall, ganz im Gegenteil:  Viele Haarener Familien teilten ihr Los in der Mitte des 19. Jahrhunderts.   Die Chronik 1000 Jahre Haaren sei hier zitiert:

“Die Lebensverhaeltnisse der Haarener waren um 1870 bescheiden.  Der karge Boden, dem es an Duenger fehlte, gab bei dem rauhen Klima kaum genug her, um die Bewirtschaftung eines landwirtschaftlichen Betriebes mit einer kinderreichen Bauernfamilie rentabel zu machen.  (…)  Wehe dem Bauern, dessen Vieh, gering an Zahl, von Krankheit heimgesucht wurde!  Kaum auszudenken war ein Jahr mit einer Missernte!  Schnell waren die wenigen finanziellen Ruecklagen aufgebraucht, dann ging es um die nackte Existenz.  Spar-und Dahrlehnskassen gabe es noch nicht [dazu mehr unten!] .  Die Geld- und Kreditgeschaefte wurden von den Juden besorgt, von denen an die 16 Familien ansaessig waren.  Viele Dorfbewohner hatten bei den Juden Schulden.  In den meisten Faellen wurde jedoch nur Geld ausgeliehen, wenn den Juden der Grundbesitz des Schuldners als Sicherheit angeboten wurde, etwa durch Eintragung einer Hypothek.  Oft war es den arg verschuldeten Bauern unmoeglich, die Schulden zu tilgen.  Dann wurde ihr Besitz “substiert”, wie es in der Umgangssprache der Haarener vor hundert Jahren hiess.”
Aus:  Haaren.  1000 Jahre.  Eine Dokumentation der Haarener Geschichte erarbeitet von der Arbeitsgemeinschaft zur Tausendjahrfeier.  Paderborn, 1975, S. 202.

Wir wissen nicht, wann Johannes Franz Heinrich verstarb, aber sein Sohn Xaverius (1821 – 1888) war 55 Jahre alt im Jahr 1877, und starb im Maerz 1888 im Alter von 66.  Es ist mit gutem Grund zu vermuten, dass er bis zum Schluss auf dem Reelen Hof gearbeitet hat, und sich nach 1877 dann als Tageloehner verdingt hat.  Zur Orientierung:  Xaverius war Jupps Urgrossvater.

Victor Meinolf Cappius (1859 – 1934), einer von Xaverius’  fuenf Soehnen und Jupps Grossonkel, nannte sich bei der Geburt/Taufe seines ersten Kindes im Jahr 1883 noch “Reelen”, also 5 Jahre nach dem letzten im Hypothekenbrief genannten Datum.  Es ist anzunehmen, dass er zu diesem Zeitpunkt den Namen “Reelen” nur noch zu Unterscheidungszwecken nutzte.  Ab der Taufe des zweiten Kindes im Spaetsommer 1887 trug er den Beinamen “Maischreiner”.  Auch er war Tageloehner.

Ohne Hof gab es fuer Jupps Grossvater Johann Kappius keine Zukunft in Haaren, und wir finden ihn in Bochum wieder:  Dort fand er Arbeit als Maschinenwaerter, und im Jahr 1881 heiratete er Gertrud Haselhorst, die aus dem nahgelegenen Ehringhausen stammte.  Dort wurden auch seine beiden Soehne geboren:  zuerst Josef Kappius Sr., von Beruf Stellmacher, ein Handwerk, das er von seinem Onkel Konrad in Haaren erlernte:  Konrad war Stellmachermeister mit eigener Werkstatt im Heimatort; als Zweitgeborener Wilhelm Cappius, spaeter Father Uncle William.  Und in Bochum kam ja auch Jupp zur Welt.

 

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Haaren mit Kirche und Schule

Nun zu oben erwaehnten Spar-und Darlehnkassen:  Wir fanden in der Chronik zur Tausendjahrfeier in Haaren, die wir oben schon zitiert hatten, nicht nur eine gute Erklaerung fuer den Verlust des Reelen Hofes, sondern auch eine Familienverbindung zur Behebung der beklagenswerten Situation, in der die Haarener Bauern sich befanden. Ueber Jupps Grossvater muetterlicherseits namens Josef Lingemann, der von 1875 bis 1899 Lehrer in Haaren war, ist 50 Seiten spaeter zu lesen:

“Um dem anhaltenden Kapitalmangel abzuhelfen und andererseits allen Buergern direkt in Haaren Gelegenheit zu geben, ihr erspartes Geld sicher und ertragsbringend anzulegen, gruendeten 51 fortschrittliche und sozial verantwprtungsbewusste Maenner der Gemeinde Haaren am 16 Maerz 1884 eine Bank, den “Haarener Spar- und Darlehnskassenverein”.  Unvergessen sind als Initiatoren und Grueder der erste Vorsitzende des Vorstandes, Lehrer Lingemann, und Kaplan Neveling als Vorsitzender des Aufsichtsrates.  (…)  Und was den Zweck der Bankbegruendung betraf, Kredite fuer die Mitglieder und andererseits guenstige Anlagemoeglichkeiten fuer Spargelder zu beschaffen – sie vereinten beides in der Spar- und Darlehnskasse.  Das Gruendungsprotokoll gibt darueber beredt Auskunft, wie man den Sparsinn der Bevoelkerung foerdern und den Kreditmangel beheben wollte – ein Plan, der zielstrebig ueber fast ein Jahrhundert verfolgt wurde und bis heute reiche Fruechte traegt.” (S. 252)

Und so treffen sich in ein- und demselben Stammbaum, in Jupps Familie, ein weit verbreitets Problem und dessen Behebung.  Unsere Familiengeschichte und die Geschichte des Ortes Haaren sind nicht voneinander zu trennen.

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Haaren im Jahre 1970, Hoflage markiert

Der Vollstaendigkeit halber:  Ein Zeitzeuge in Haaren erinnerte sich in den 1970er Jahren, dass der Reelen Hof im Jahre 1903 von der Familie Klute gekauft worden sei.  Wir wissen nicht so genau, wie wir diese Information mit den Angaben im Hypothekenbrief uebereinbringen koennen, also lassen wir die beiden Daten mit ihren 26 Jahren Diskrepanz bis auf weiteres nebeneinander stehen.  Im Jahr 1970 wurde als Besitzer des Reelenhofen Wilhelm Klute angegeben, und anstelle des Hausnamens als Verortung die neue Strassenbezeichnung “Salzbrunnen”.

Alle Fotos auf dieser Seite stammen aus der oben bereits zitierten Chronik zur Tausendjahrfeier des Dorfes Haaren.

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