Koenig der Stuerme und Seeschwalbe

Die folgenden Betrachtungen schrieb Jupp am 15. August 1942 auf, waehrend er an Bord der TSS Themistocles vor Durban, Suedafrika, vor Anker lag und auf Weiterfahrt nach England wartete.

Themistocles

Auf dem Wasser, im Windschatten des Schiffes, schwimmen Albatrosse, Riesenvoegel, gross wie Gaense.  Ich hatte nicht gedacht, sie wuerden in die Haefen kommen.  Draussen auf dem Meer sind sie immerzu mit dem Schiff geflogen, stundenlang, ohne einen Fluegelschlag, jede Windstroemung ausnutzend.  Es ist ein schoenes Schauspiel, viel schoener als eine Segelflugvorfuehrung.  Diese Voegel sind wunderbar gebaut, die Koerper wie ein schwerer Tropfen, weiss, oder schwarz, und die Fluegel ausgespannt, weite Fluegel, schmal und schnittig, mit jeder Feder dem Winde folgend.  Sie segeln die Wellen entlang, auf und ab, gegen den Wind, – albatross-300x300dann werfen sie sich ploetzlich hoch, kehren und jagen vor dem Wind dahin, pfeilschnell, die Fluegel gewoelbt, oder hart und gerade gestreckt.  Oder sie haengen schraeg im Wind, die eine Fluegelspitze dicht ueber dem Wasser, jeder Woge folgend.  Oder sie haengen neben dem Schiff, ziehen langsam vorbei in der gleichen Richtung, in der das Schiff faehrt, und obwohl der Wind von vorn kommt.  Sie schweben dahin, den schweren Schnabel vor sich hertragend, mit den Augen das Schiff absuchend, – und alles ohne einen einzigen Fluegelschlag.  Man kann sich nicht sattsehen.  Und nun schaukeln sie da auf dem Wasser auf + ab, rudern mit den weissgelben Fuessen, wie Gaense auf dem Dorfteich.  Nur wenn einer kommt oder davonfliegt, wenn man die  Riesenfluegel sieht, die sich dreifach zusammenlegen, wenn man die Leichtigkeit sieht, mit der sie sich vom Winde hochtragen lassen, dann erkennt man den Koenig der Stuerme, den stolzen Segelflieger, den Albatross.

Ganz anders die Seeschwalben.  Grosse Segler sind sie auch, schnell und wendig den Wellentaelern folgend, in Gruppen zu 3, 4, 5.  Sie haben die Groesse etwa von Tauben, ihre Fluegel sind nicht gerade schnittig, und wenn sie hier und da den Wind verlieren und fliegen muessen, dann schlagen sie so hilflos mit den Fluegeln, dass sie einem ordentlich leid tun.  Meist haengen sie ein paar Fuss ueber dem Wasser, oft lange Strecken nur etwa 1 Fuss, und schiessen sie pfeilschnell dahin, den Wellen folgend, in einem Tal verschwindend, um ploetzlich wieder hinter einer Woge hervorzuschiessen, unermuedlich, eifrig, als wenn sie es als Arbeit auffassten.  Bei den Albatrossen hat man immer den Eindruck, sie segeln zum Vergnuegen.

In den ersten Tagen haben mich diese Seeschwalben richtig bedrueckt:  immer Seeschwalbe-150x150dicht ueber dem Wasser, hilflos mit den Fluegeln flatternd, wenn sie den Wind verloren, sah ich sie niemals sich stolz in die Luft erheben.  Dann erzaehlte mir ein Seemann, man glaube, dass in diesen Voegeln die Seelen ertrunkener Seeleute auf dem Ozean ruhelos herumirren.  Mir fiel dann ein Gedicht ein, dessen Verfasser ich vergessen habe:

Draussen, wo sich den Klippen die Wildsee vermaehlt,
Wohnt die Sturmschwalbe.  Ein Seemann hat mir erzaehlt:
Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht, wo Himmel und See sich mischt
Geht ihre Fahrt zwischen Himmel und wogendem Gischt:
Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer,
Sturmschwalbe, wo nahmst Du den Mut zum Leben her?

Spaeter sah ich dann einige aus der Naehe.  Dann sah ich, dass diese Voegel ausgesprochen schoen sind: ganz weiss am Leib und unter den Fluegeln, ein pechschwarzer runder Kopf, und die Oberseiten der Fluegel braun + weiss gemustert.  Und jetzt mag ich sie richtig gern, wie sie da so geschaeftig umherfliegen und so huebsch aussehen, wenn sie nahe herankommen.  Die Albatrosse sehen aus der Naehe haesslich aus, aber wunderschoen, wenn sie sich in einiger Entfernung ploetzlich gegen den Himmel abheben, wunderbar geformt, einen Augenblick stehen bleiben, um dann vor dem Winde eine Kurve an den Himmel zu ziehen, dass einem das Herz aufgeht.  Das koennen die Kleinen nicht.  Aber sie sehen lieb aus + ich habe das Verlangen, sie auf die Hand zu nehmen und ganz zart ueber das Koepfchen zu streicheln.

Jupp erinnert sich, so scheint es, an das Gedicht “Die Strumschwalbe” von Henrik Ibsen.  Die heute zu findende Version lautet etwas anders, hier zum Vergleich:

Die Sturmschwalbe

Die Sturmschwalbe haust, wo das Ufer endet;
Ein Seemann hat mir sein Wort drauf verpfändet.

In der Schaumkämme Gischt mit den Schwingen blinkt sie,
Die Wogen tritt sie, niemals versinkt sie.

Sie folgt ihren Tälern, sie folgt ihren Höhen,
Sie schweigt mit der Stille, sie schreit mit den Böen.

Es ist eine Fahrt zwischen Schwimmen und Fliegen,
Ein sich zwischen Himmel und Abgrund Wiegen.

Zu leicht zum Schwimmen, zu schwer zum Schweben –;
Dichtervogel, Dichtervogel, – wie willst du da leben!

Doch nicht genug, – die Gelehrten erklären
Auch noch das meiste für Seemannsmären.

Henrik Ibsen

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