Wo Himmel und Erde sich finden

2.8.1942, auf See

Mir ist ein Gedicht gekommen heute morgen.  Ich schreibe es Dir hierher.

Wo Himmel und Erde sich finden
In weitem, schliessendem Kreise
Da finden sich Koerper und Seele
In sichtbarer klarer Weise.
Es scheint,
Du brauchtest nur hinzugehen,
Dorthin, wo sie sich vermaehlen,
Um alles zu wissen
Das raetselhaft ist
Und alles zu verstehen.

Wenn aber Du gehst
Und schaust
Und fragst
– Oh Mensch, bis ans Ende der Tage –
So kommst Du doch nimmer
An jenen Ort.
Und es bleibt bei der alten Frage.
Und wenn Du Dich selber
Hoeher erhebst
So wird auch Dein Horizont breiter.
Doch die Loesung
Nach der Du verlangend strebst
Rueckt dabei nur immer noch weiter.
Wohin immer Du gehst
– ob hoch oder weit – Rings um Dich
In schliessendem Kreise
Vereinigen Himmel und Erde sich
Doch nimmermehr dort wo Du weilest.

Dein Herz, oh Mensch,
Ist der Mittelpunkt
Um welchen die Kreise sich ringen.
Und dort
– oder nirgendwo in der Welt –
Hoerst Du ahnend die Harmonie klingen.

Es ist ein Versuch, die Grenzen unserer Erkenntnis in fassbarer Weise auszudruecken.  Weisst Du, dieses Problem, wie es moeglich ist, dass unsere Seele – oder Gemuet – im Wechselkontakt mit unserem Koerper steht, und wie dieser Kontakt ueberhaupt moeglich ist.  Weisst Du, was ich meine?  Warum mein Herz erregt wird, freudig oder traurig, wenn meine Augen auf den schwarzen Zeichen ruhen, die Du auf ein Papier gemacht hast, oder wenn ich Dein Gesicht ansehe.  Oder wieso meine Augen an zu traenen fangen, wenn mein Gemuet traurig ist.  Wo ist da die Verbindung?  Und diese Frage geht weiter, wo ist die Verbindung zwischen dem menschlichen + goettlichen, zwischen Ideal und Wirklichkeit, Zeit und Ewigkeit, Natur und Gott, Himmel und Erde?  Wo?

Dass eine solche Verbindung da ist, erleben wir in jedem Augenblick.  Wo sie aber stattfindet, entzieht sich unseren Blicken.  Es ist in uns selber, nicht irgendwo aussen.  Und es scheint, als muessten wir unser Haupt neigen und uns zufrieden geben mit dieser Unzulaenglichkeit unseres Wissens, das ueber Zeit und Raum nicht hinausreicht.
Hast du das Gefuehl, dass es mir gelungen ist, in dem Gedicht diesen Gedanken zu vermitteln?  Mir kommt es so vor.  Und Alfred, dem ich es zeigte, fand es auch ganz gut.

Ich wuerde mich sehr freuen, wenn es Dir gefaellt.

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